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Verkehr(te) Welt

E-bike als Alternative zu ÖV oder Auto

Neben der Umwelt belastet der Verkehr vor allem auch die Verkehrsteilnehmenden sowie Anwohnerinnen und Anwohner von Strassen und Bahnlinien. Dies gerät bei den von Klimapolitik geprägten Diskussionen momentan oft in Vergessenheit. Dabei hätten bereits heute wirksame Werkzeuge, um für Besserung zu sorgen. Leider setzen wir sie zu zaghaft ein.

Die erhöhte Mobilität sollte eigentlich eine Errungenschaft für die Gesellschaft sein. Doch was wir im werktäglichen Pendelverkehr erleben, sieht anders aus. Der Berufsverkehr geriet zur Kampfzone. Öffnen sich die Türen einer S-Bahn unterscheiden sich die Szenen im Innern des Zuges nur marginal von einem Einsatz einer Spezialeinheit. Dass die Reisenden nicht noch laut „Libero!*“ rufen, wenn sie ein freies Abteil vorgefunden haben, ist wohl der grösste Unterschied, zu einer polizeilichen Stürmung.

Werktäglicher Strassenkampf

Auch auf den Stassen ist die Situation nicht weniger kämpferisch. Die vorgeschriebenen (und sinnvollen) Abstände werden um mehr als das die Hälfte unterschritten, damit ja niemand sich zwischen einem selbst und dem vorausfahrenden Fahrzeug platziert. So bilden sich rollende Phalanxen, die wie das griechische Original das Eindringen von Gegnern in die eigenen Reihen verhindern – in diesem Fall zum Beispiel einen Lieferwagen aus einer Seitenstrasse oder auf der Autobahn ein Fahrzeug von einer anderen Spur. Kampf pur!

Das Resultat: Egal ob man mit ÖV oder dem eigenen Auto unterwegs ist. Mobilität bedeutet Stress und absorbiert Energien, die uns dann während der Arbeit oder im privaten fehlen.

Wir könnten es bereits jetzt besser machen

In einer Schweiz mit acht Millionen Einwohnern lässt sich diese Situation in absehbarer Zeit auch nicht verändern. Denn unsere Verkehrsträger sind heute am Limit und ein weiterer Ausbau ist entweder nicht möglich oder wird entweder von Rechts oder Links politisch blockiert. Müssen wir uns also mit dieser Situation zufrieden geben? Nein müssen wir nicht!

Ausserhalb der eigenen vier Wände gilt: Der beste Verkehr ist der, der nicht stattfindet! Die Politik und die Wirtschaft sind gefordert, hier einen Beitrag zu leisten. Das Stichwort heisst: Neue Technologien nützen, um nicht immer an den Arbeitsplatz reisen zu müssen oder wenigstens

  • Homeoffice: Für einen Grossteil der Arbeitnehmenden gibt es heute von technischer Seite keinen Grund, warum sie nicht ein oder mehrere Tage die Woche von Zuhause oder einem anderen Ort ausserhalb des Unternehmens arbeiten. Errungenschaften wie „Voice over IP“ oder virtualisierte Desktops ermöglichen uns bereits heute von überall her so zu arbeiten, wie im Büro inklusive telefonischer Erreichbarkeit. Hier hinkt die Gesellschaft der Technologie hinterher. Denn die Gründe, die gegen Homeoffice sprechen, sind meistens in unseren Köpfen.
  • Frei verfügbare Arbeitsplätze (Coworking Space): Wenn man nicht von Zuhause aus arbeiten kann oder möchte, warum nicht einen Tag von einem freien Büro aus arbeiten? Was in der urbanen Schweiz unter Coworking Space langsam Fahrt aufnimmt, wird in den ländlichen Gemeinden komplett verschlafen. Warum die ganze Woche nach Aarau, Baden oder Zürich pendeln, wenn man vielleicht auch einen Tag im Ort oder im Nachbardorf arbeiten könnte? An leerstehender Infrastruktur mangelt es den Dörfern in der Regel nicht. Gewinner wären nicht nur die Pendler selber sondern auch die Dörfer. So könnte neues Leben in die Schlafgemeinden zurückkehren.
  • Die Wahl der Mittel: Bei einem Arbeitsweg von zehn Kilometer oder weniger lohnt es sich, zu überlegen, ob der Weg nicht mit dem Fahrrad oder E-Bike zu bewältigen ist. Mit einem „schnellen“ E-Bike, das bis zu 45 km/h fährt, wird man in dieser Strecke in den meisten Fällen sogar schneller sein als mit dem Fahrrad. Ich selber nutze das E-Bike an rund 100 Tagen im Jahr, um zur Arbeit zu fahren. Das Resultat: Die Zeit von Tür zu Tür dauert mit dem E-Bike mindestens gleich lang wie mit dem Auto und beträgt rund die Hälfte der Reisezeit mit ÖV. Vergleiche ich die Kosten (ohne Amortisation, denn das Auto steht ja trotzdem zu Hause) komme ich auf Ersparnisse von über 20 Franken pro Fahrt. Könnte ich auf das Auto ganz verzichten, wären es über 30 Franken. Zudem geniesse ich jede einzelne Fahrt und komme entspannt am Ziel an. Das Resultat: Mit dem E-Bike fahre ich günstiger, entspannter und in vielen Fällen sogar schneller als mit Auto oder ÖV. Übrigens: Wer mal ein E-Bike testen möchte, kann bei den meisten E-Bike-Läden Fahrräder für bis zu zwei Wochen kostenlos und unverbindlich testen.
  • Reisezeiten flexibilisieren: Zu guter Letzt: Wenn wir die Fahrt mit ÖV oder Auto  nicht vermeiden können, besteht allenfalls die Möglichkeit es nicht dann zu tun, wenn alle es tun. Klar: in vielen Bereichen gibt der Job die Arbeitszeiten vor. Aber es gibt in der Schweiz auch hunderttausende Jobs bei denen weit flexibler gearbeitet werden könnte, als dies heute der Fall ist. Provokativ könnte man auch Fragen: Müssen diejenigen, die Start und Ende ihrer Arbeit flexibel planen könnten, unbedingt die Züge in den Stosszeiten die Züge, Busse und Strassen blockieren? Hier braucht es oft auch einen gesellschaftlichen Wandel. Denn solange man sich rechtfertigen muss, wenn man erst um neun ins Büro kommt oder bereits um drei Uhr geht, werden sich viele Arbeitnehmende nicht trauen, wirklich flexibel zu arbeiten.

Zu diesen genannten Punkten kann die Politik bereits jetzt einen Beitrag leisten, indem sie zusammen mit Wirtschaft, Gewerbe und Arbeitnehmendenorganisationen nach Lösungen sucht und die richtigen Anreize setzt. Und dabei meine ich nicht Mobility Pricing, das faktisch eine Zweiklassengesellschaft hervorbringt sondern Lösungen, die auf eine nachhaltige Veränderung unseres Mobilitätsverhaltens beziehungsweise unseres Mobilitätsbedürfniss hinwirken.

Wir könnten schon jetzt viel tun. Aber machen tun wirs nicht. Nicht als Gesellschaft und nicht als Einzelperson. Obwohl es uns alle belastet – verkehr(te) Welt…

*Anmerkung: „Libero“ rufen Polizei- und Armeekräfte bei einer Erstürmung eines Gebäudes, wenn ein Raum leer vorgefunden wird.

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